LANDESVERBAND DER RUSSISCHLEHRER AN ÖFFENTLICHEN UND PRIVATEN SCHULEN DES LANDES BAYERN e. V.

Einleitung

Der Auslandslehrgang Nr. 85/285 vom 23. bis 30. Oktober 2013 für Russischlehrkräfte führte nach Moskau, dem politischen Machtzentrum Russlands, und in die in 190 km Entfernung liegende traditionsreiche Provinzstadt Kaluga, die neben einem Lastkraftwagenwerk von Volvo und einer Niederlassung von VW auch weitere bedeutende Investoren aus Westeuropa angezogen hat und sich mit ihren 350 000 Einwohnern im wirtschaftlichen Aufschwung befindet. Als langjährige Wohn- und Forschungsstätte des weitsichtigen Wissenschaftlers Ziolkowskij gilt sie als "Wiege der russischen Raumfahrt", woran sein Wohnhaus, ein beliebter Park mit seinem Grab, ein bedeutendes Raumfahrtmuseum und zwei Denkmäler eindrucksvoll erinnern. Eines zeigt ihn mit einer monumentalen Rakete, das jüngere als netten älteren Fahrradfahrer in der Fußgängerzone.

Dass das Interesse von Ausländern an der russischen Provinz auf wenig Verständnis und Verwunderung bei den Bewohnern der Hauptstadt trifft, konnten die Lehrgangsteilnehmer mehrfach erfahren. Mit der Kenntnis des eigenen Landes, der Wertschätzung der außerhalb der Metropolen Moskau und Sankt Petersburg gelegenen Groß-, Mittel- und Kleinstädte ist es nicht allzu weit her. Nur die Lehrkräfte der besuchten Gymnasien waren von unserem Ansinnen, auch die russische Provinz kennenlernen zu wollen, einigermaßen angetan.

Im ganzen Land scheinen die Kirchen und Klöster in erstaunlicher Geschwindigkeit und Qualität der Renovierung ihrer ursprünglichen Aufgabe zurückgegeben worden zu sein. Die weltlichen Baudenkmäler ziehen nach, so dass sich den Besuchern ein majestätisches und farbenprächtig-glanzvolles Bild bietet, vor allem, wenn im Oktober die Sonne nicht zu knapp auf die Architektur und die spätherbstliche Natur mit den letzten Blättern, Astern und Rosen scheint.

Hotels mit westlichem Standard und gutem Service sowie eine den Gaumen verwöhnende russische Küche sowohl in Schulkantinen und preiswerten Selbstbedienungslokalen als auch in eleganten oder volkstümlichen Restaurants trugen zum allgemeinen Wohlbefinden bei. Das Motto, dass das Leben zu kurz ist, um etwas Schlechtes zu essen oder zu trinken, scheint hier allgemein befolgt zu werden. Eine wachsende Zahl von Strenggläubigen hält allerdings die sehr häufigen Fastengebote der russisch-orthodoxen Kirche ein und sorgt damit für innerfamiliären Zündstoff. Die Preisniveaus der angebotenen Waren und Dienstleistungen können innerhalb des Landes sehr stark schwanken. Jenes in Moskau übertrifft das in München bei weitem und macht glauben, dass Moskau tatsächlich eine der teuersten Hauptstädte der Welt ist.

Das über DER-Tour gebuchte, individuell zusammengestellte touristische Programm wurde von den russischen Partnerorganisationen fachgerecht verwirklicht und war zeitlich meist so großzügig bemessen, dass noch zusätzliche Sehenswürdigkeiten mit dem Kleinbus angesteuert werden konnten, z. B. die Deutsche Botschaft in der Nähe der Universität LMU, der Alexandergarten mit dem Grab des unbekannten Soldaten, der Prominentenfriedhof beim Neujungfrauenkloster. Der Transfer zurück zum Hotel oder zu einem Konzert im "Gnezdo glucharja", dem Nest des Auerhahns, einer Bühne für Liedermacher, wo man nebenher köstlich bewirtet werden kann, waren meist zeitlich noch möglich und eingeschlossen.

Ein weiterer nicht eingeplanter Leckerbissen war ein Besuch in der Tretjakow-Galerie der Moderne am Krymskij wal. Dort konnte man nicht nur die Dauerausstellung mit Werken der russischen Avantgarde, des sozialistischen Realismus und der Gegenwartskunst betrachten, sondern sich auch an der überreich ausgestatteten, luftig und hell präsentierten Sonderausstellung der Avantgardistin Natalja Gontscharowa erfreuen, einer Verwandten der gleichnamigen Ehefrau Puschkins. Beide haben einen Bezug zum Umland von Kaluga, wo die Familie ehedem eine Leinwandfabrik besaß, in der die Künstlerin Abstand von beruflich bedingten Unannehmlichkeiten in Moskau gewann und in Ruhe arbeiten konnte.

Diese Sonderausstellung zeigte die unglaublich vielfältigen Facetten des schöpferischen Werks dieser ungemein kreativen und trotzdem geerdeten Frau, illustrierte ihren Werdegang als bildende Künstlerin, die Ausdrucksformen der naiven, abstrakten, ethnisch orientierten realistischen und religiösen Malerei benutzte, die Kulissen- und Kostümentwürfen für Diaghilew, Rimskij-Korsakow und Strawinskij machte, für die exklusive Mode in Paris tätig wurde und Erfolge als feinsinnige Buchillustratorin feierte. Am Ende ihres langen Lebens schuf sie nachdenklich stimmende Bilder zu ihren Vorstellungen vom Weltall. All das ließ uns den seit dem Morgen leeren Magen an diesem Tag vergessen. Bildung nährt also doch.

Gabi Mages

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